• Samira

Auszüge aus dem Leben

Aktualisiert: 4. Okt 2020

Ich studiere und bin komplett bei meinem Studium, nur merke ich immer mehr, dass so vieles nicht stimmt, man möchte wegsehen, doch kann ich das nicht. Ich kann mich nicht selber belügen, das geht einfach nicht. Eine Weile dachte ich, dass einfach nur glücklich sein das Erstrebenswerteste auf der ganzen Welt wäre, schlicht und einfach. Manchmal denke ich es könnte auch Unwissenheit sein. Keine Wahrnehmung für Größeres, Längerfristiges, sondern das schnelle Entertainment, der Rausch, die Betäubung und Verwahrlosung. Du willst was Sinnvolles machen? Wie schätzt du deine Erfolgsquoten ein? Wann erreichst du den Breakeven Point? Wann brichst du zusammen, wir bringen dich gerne ins Krankenhaus. Ich bin einen festen und sicheren Weg gegangen und habe große Angst auszubrechen. Es geht um Geld, nicht um Kunst, nicht um dich, nicht um uns alle. Ich bin ohne Orientierung, so kann es nicht weitergehen. Über Suizid habe ich schon Zuviel nachgedacht und meine Schlussfolgerung war, dass man dann eh auf alles scheißen kann und mit seinem Leben machen soll was man will. Ich möchte die Stäbe meines Gefängnisses brechen und Menschen dazu ermutigen dasselbe zu tun, wenn sie es möchten. Doch bin ich verwirrt. Ich hadere mit meinem Energiehaushalt so sehr, dass ich nicht mal mehr in Ruhe reden kann ohne zu planen. Was ist verkehrt mit mir? Warum komme ich einfach nicht klar in dieser Welt?

Nami studiert seitdem wir uns kennen. Studieren macht sie generell schon ein paar Jährchen länger. Sie ist nicht zufrieden mit sich, genügt auch den Ansprüchen ihres Vaters nicht, welcher vor Krieg nach Deutschland floh und seither, wie seine Frau, hart arbeitet um den Lebensunterhalt zu verdienen. Ohne Abschluss, ohne Geld bleibt es bei einem bescheidenen Gehalt bei körperlicher Arbeit. Der Vater ist schon eine Weile spielsüchtig, die Mutter versucht sich das Leben mit Schlaftabletten zu nehmen. Ganz normal. Nami fängt sehr früh an zu kiffen und auch zu trinken, arbeitet viel und unermüdlich um sich eine Wohnung und Studium zu finanzieren. Dennoch ist die Miete oftmals nicht zusammengekratzt, kein Geld um Essen zu kaufen. Sie hat mir von ihrem letzten Geld Essen gekauft, weil sie es wollte. Einfach so. Das werde ich nie vergessen wie diejenigen die selber kaum was haben teilen. Das Verhältnis zu ihrem Vater ist mittlerweile gut. Die Familie ist froh sich zu haben. Nami weiß immer noch nicht wohin, sie sieht keinen Sinn in dem ganzen Treiben und versucht loszulassen.

Juka studiert, was davor noch keiner in der Familie gemacht hat. Damit bekleckert sie sich nicht gerade mit Ruhm, im Gegenteil. Die Familie verspottet sie, dann verlässt sie ihr Freund für eine andere. Sie fällt in eine tiefe Depression, bekommt gehörige Minderwertigkeitskomplexe und wird schließlich magersüchtig. Sie versteckt es und bei einem unserer vielen Gespräche kommt es dann doch raus. Sie leidet und leidet. Schließlich entscheidet sie sich in eine Klinik zu gehen und lernt dort auch ihren zukünftigen Freund kennen. Viele sind dagegen, machen sich Sorgen. Doch die beiden sind füreinander da, rappeln sich auf und ziehen zusammen. Juka schließt ihren Bachelor ab und steigt in ein solides Start-up ein. Es gibt immer wieder Stress in der Familie, aber das ist nichtmehr ihr Zentrum, sie hat sich ihr eigenes Universum geschaffen. Ich höre nichts mehr von ihr und denke manchmal an sie und wünsche ihr alles Gute.

Manu studiert BWL und arbeitet. Er hasst sein Studium und bekommt die letzten Prüfungen einfach nicht hin. Er weiß nicht recht wohin, macht Nebenjobs, kifft ziemlich viel, hängt vor der Konsole, Fertigessen und will am liebsten nicht vor die Tür. Das geht Monate, Jahre so. Die Eltern lassen sich scheiden, er zerbricht und setzt sich wieder neu zusammen, ein starker Freundeskreis steht hinter ihm. Er fasst endlich den Mut und hängt sein Studium an den Nagel. Schlussendlich hat nur noch die Bachelorarbeit gefehlt, doch dafür reichte es einfach nichtmehr aus. Auch wenn man schon soviele Jahre, soviel Zeit investiert hat, kommt bei manchen ein Punkt an dem es einfach nichtmehr weiter geht. Dann ist es egal was davor war, die Angst ohne Abschluss dazustehen ist wie weggeblasen. Es geht nur noch um eine Befreiung. Jetzt ist er endlich frei und macht eine solide Ausbildung im sozialen Bereich. Etwas Sinnvolles. Er wohnt mit seiner Mutter da die Ausbildung zuviel Zeit in Anspruch nimmt um zusätzlich noch arbeiten zu gehen. Er ist glücklich, zumindest in diesem Moment, bis andere Schatten an die Türe klopfen.

Rina habe ich beim Feiern kennen und lieben gelernt. Sie kann unscheinbar wirken, hat doch schon einiges erlebt. Früh angefangen zu kiffen, Ecstasy, Speed und Keta-Eskapaden zu haben. Gut vernetzt wie sie war, fing sie früh an zu verkaufen. Ihre Freunde waren natürlich besonders nett zu ihr, weil es immer was gab. Sie hatte mehr Geld als ihre Eltern und mehr als sie jemals wiederhaben würde. Sie entschied sich zu studieren und sich selbstständig zu machen. Keine illegalen Geschäfte mehr. Das Start-up lief gut an, viel Zeit wurde investiert. Schließlich wurde sie abgezogen, ein hoher Schuldenberg entstand. Sie brachte die letzte Energie auf um die entstandenen Schulden zurückzuzahlen, danach verließ sie die Stadt. Sie war müde, erschöpft, antriebslos und fühlte sich ungeliebt. Sie ging feiern, hatte viel Sex und versuchte irgendwie das Loch zu stopfen. Doch es war einfach zu groß, regelmäßige Ausraster, Zorn, unzählige Missverständnisse und Streit waren die Folgen. Sie wollte keine Therapie machen und wusste wohl nicht wo sie überhaupt anfangen sollte. Wie denn auch. Sie hatte mal gebrannt, war nicht abgeholt worden und war nun ausgebrannt. Sie verließ abermals die Stadt und lebt vor sich hin, lässt keine feste Beziehung zu, holt sich was sie meint zu brauchen um das Loch zu stopfen.

Dhusto kam im Frühjahr nach Deutschland. Er machte Bekanntschaften an der Hochschule, kam von Haus aus mit einem hohen Leistungsdruck hierher und traute sich kaum Klausuren zu schreiben. Als sein Vater eher unerwartet starb, fing der ganze Mist an überzukochen. Um seinem kranken Vater beizustehen und das Studium zu absolvieren, reiste er mehrmals zwischen Deutschland und seinem Heimatland hin und her. Bezahlen konnte er diese Flüge allerdings nicht und als der Vater starb war klar, dass von Seiten seiner Familie kein Geld mehr kommen würde. Er häufte Schulden an. Er verlor einen Job nach dem anderen, als Tellerwäscher, Küchengehilfe, bei Amazon im Lager und konnte die Schulden nicht abbezahlen. Durch die ganzen Jobs lief auch das Studium nicht besser, er durfte seine zurückgebliebene Familie nicht enttäuschen, doch alles brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Suizidgedanken kamen in ihm auf. Das war der Moment in dem ich ihn an der Leitung hatte:"Was geht dhousto?" "Hey, can you hear me? I want to die." Ich dachte erst es sei ein Witz. Meine Meinung änderte sich im darauffolgendem Gespräch. Er wurde abgeschoben, ich schlug vor ihn zu heiraten, nach 1.5 Jahren erfolgloser Bemühung gab ich auf. Er lebt mit seiner Mutter in einem Dorf fernab der Stadt, damit ihn seine restliche Familie in Ruhe lässt. Er hat Schande über die Familie gebracht, kommt zurück ohne Abschluss und ohne Geld. Das ist seine neue Realität in der bisher erstarrt ist.

Wann wird die geistige Verwahrlosung für alle sichtbar?



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